Samstag, 11. Dezember 2004
Stramme Hierarchien
im wertkritischen Zusammenhang? Radke wieder mal vs. Kurz – nur steht bei Kurz ("Robert Kurz: Die Kosten der Kritik"), jedenfalls zu diesem Zeitpunkt, in Wirklichkeit "horizontal", nicht "vertikal"...

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Ich hatte Kurzens Zitate per copy&paste in meinen Text eingefügt, es ist also extrem unwahrscheinlich, dass da von Anfang an "horizontal" stand. "Horizontale Kommunikation" ist auch nicht unkomisch, v.a. wenn sie auf mehreren Ebenen stattfindet, die dann wohl doch wieder vertikal sind.

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Ja – ich vermutete auch schon, dass er das nachträglich korrigiert hat ("jedenfalls zu diesem Zeitpunkt"; ich hätte es vielleicht deutlicher machen können). Mir ist auch klar, dass ausgerechnet ein Kurz nicht wirklich verlangen kann, von seinen Kritikern, bzw. von denen, die Opfer seiner Kritik werden, wohlwollendmöglichst rezipiert zu werden - ich selbst, der ich mich in dem Dissens zwischen Nürnberger Wertkritik und Antideutschen bis jetzt noch erfolgreich gegen eine Vereinnahmung von der einen oder anderen Seite wehre, würde jedoch in diesem Fall dazu tendieren, ihm das als Flüchtigkeitsfehler durchgehen zu lassen. Auch wenn er dann vielleicht tatsächlich nicht ohne eine gewisse "Komik" aus dem Ganzen herauskommt... Während, wiederum andererseits, "mehrere Ebenen" zumindest nicht zwangsläufig eine Vertikalität im Sinne einer Hierarchie bedingen müssen...

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Natürlich kann das ein Flüchtigkeitsfehler von Seiten Kurzens sein. Weil er allerdings dazu neigt, seine Kontrahenten mit psychiatrischem Vokabular zu belegen ("klinische Paranoia" etc.), muss er damit leben, dass man sich seine Texte ein wenig genauer anschaut. Ich hoffe, dass er selbst das sportlich sehen kann (glaube es aber nicht wirklich). Hinzu kommt, dass er ein hauptberuflicher Autor ist, also mehr Zeit als etwa ich hat, etwas Gutes zu schreiben, des weiteren müssen alle Leute, die den Brief Korrektur gelesen haben, den Fehler - wäre man böswillig: die Freudsche Fehlleistung - ebefalls übersehen haben. Vielleicht bräuchte Exit! neben dem transnational vernetzten Übersetzer/innen-Pool noch einen Korrekturleser/innen-Pool...

Das mit den Vereinnahmungsversuchen weckt mein soziologisches Interesse: Gab es Vesuche, dich in diesem Konflikt auf die eine oder andere Seite zu ziehen (etwas, das mir nie passiert, warscheinlich will mich keiner auf seiner Seite haben...).?

Abgesehen davon: Verstehe ich es richtig, dass deine theoretische Orientierung wertkritisch, aber nicht anti-antdideutsch ist? Ich erinnere mich an eine wertkritische Gruppe, die Kurz vor einiger Zeit wegen seines Antideutschen-Bashings die Gefolgschaft gekündigt hat, stehst du denen nahe?

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Nein, es gab da keine aktiven "Vereinnahmungsversuche"; als gelegentlicher Besucher von Krisis- und jetzt auch Exit!-Treffen (auch in deren ohnehin ja eher privatem Zwiestreit will ich mich einstweilen nicht positionieren) spürt man aber schon den Abgrenzungsanspruch, der von Kurz & Co. ja auch gerne schnell und deutlich verbalisiert wird ("mit denen reden wir nicht mehr" etc.). Ich rede mit wem es mir passt; aber andererseits, soviel vielleicht auch zu deiner Frage nach der "theoretischen Orientierung", bin ich ja auch kein gelehrter Theorieschaffender, sondern bestenfalls ein immer wieder nur so ein bisschen auch in die Theorie hineinschnuppernder Amateur. Und ja, "wertkritisch, aber nicht anti-antdideutsch" trifft meine Position wohl ganz gut. Die "Gruppe", von der du sprichst, sagt mir wiederum nichts.

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Das waren die Wertkritischen Kommunisten Leipzig, wenn ich mich recht erinnere. Allerdings habe ich deren damalige Kritik an Kurz nicht mehr auf ihrer Homepage gefunden. Sie wurde auch in Konkret abgedruckt.

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Du meinst höchstwahrscheinlich diese Leute:
http://www.akg-leipzig.info

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Hat es da nicht auch eine Spaltung gegeben? Die "wertkritischen" finde ich unter http://www.left-action.de/wkl/ - und dort wiederum taucht ein Martin D. auf, den ich für den Martin Dornis halten würde, welcher auf dem letzten Exit!-Seminar einen guten Vortrag zum Thema Antisemitismus gehalten hat... Langsam wird's kompliziert!

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"Hinzu kommt, dass er ein hauptberuflicher Autor ist, also mehr Zeit als etwa ich hat, etwas Gutes zu schreiben"

soweit ich weiss ist kurz hauptberuflich werbeprospekte-in-zeitung-einleger.
angeblich um "grounded" zu bleiben, der arbeitenden bevölkerung nicht endfremdet zu werden. kann sich aber auch um ein gerücht handeln und fügt der kritik auch nix hinzu, wollte es aber trotzdem mal raustratschen.

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Ich weiß auch nichts Genaues, aber ich hörte mal, er sei bei der Post gewesen, könne aber mittlerweile von seinen Publikationen einigermaßen leben...

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Bei Kurz selbst findet sich zum Thema Berufstätigkeit dieses:
>>Offenbar war dieser Umschlagspunkt in der "Krisis"-Geschichte erreicht, und zwar endgültig mit dem Aufwallen des Ressentiments im engeren Kreis der theoretischen Produzenten selbst, nämlich durch eine Aufspaltung der Beziehungen nach dem Muster des gemeinbürgerlichen Affekts gegen die "intellektuelle Existenz", vermittelt durch Konkurrenzgefühle und eben jene Selbstwertprobleme, wie sie oben ausgeplaudert wurden. Für den Herrn Glatz etwa gerät die (berufsmäßige) "Formulierungskunst" (Lorenz Glatz, a.a.O., S. 28) schon apriori in den Geruch und Verdacht der spezifischen subjektiven Bösartigkeit im "bellum omnium contra omnes" (a.a.O.); sie ist eben keine Kunst, die der radikalen Kritik nützlich sein kann, sondern angeblich nichts als eine Art Arroganz derer, die sich etwas darauf einbilden.

Da sind wir schon wieder bei der angeblichen "Selbstüberhebung" der TheoretikerInnen; aber jetzt wird die Zielperson genauer eingegrenzt, denn der Laienprediger des Ressentiments weiß, wo der größte Theoretiker- und Publizistenlump zu finden ist: "Wenn eins sich damit auf Märkten gut verkauft (ob die nun so heißen oder bloß so funktionieren), ist die Versuchung, sich...die Selbsterkenntnis zu verbauen, umso größer" (Glatz, a.a.O.). Es sind also nicht die theoretischen SchreiberInnen schlechthin, die als Sünder wider die Normalität "des Lebens" salbadernd abzumeiern sind, sondern es ist das Oberschwein, das sich angeblich "auf Märkten gut verkauft". Und das hat einen Namen, auch wenn dieser nicht direkt genannt wird. Denn im Zusammenhang der bisherigen wertkritischen Debatte und Publizistik von "Krisis" und "Streifzügen" gibt es nur einen, von dem die Fama geht, daß er sich "auf Märkten gut verkaufe", nämlich die Person des Robert Kurz. Auf genau den zielt die subtile Hetze des Herrn Glatz, dessen Traktat im (unausgewiesenen) Kontext einer bestimmten inneren Auseinandersetzung steht, in der er auf leise zischelnde Weise Partei ergreift, indem er gerade den falschen Ton des allgemeinen Warners und Mäßigers anschlägt.

Muß man sich dieser schiefmäuligen, aufs Vorurteil der pseudokritischen Dumpfbacken zielenden Anmache gegenüber rechtfertigen? Muß man darauf hinweisen, daß dieser "Markterfolg" nur ein sehr relativer sein kann, weil Theorie sich nicht in Bestsellerauflagen verkauft, weil damit keine Reichtümer erworben werden können und die AutorInnen im kommerziellen Literaturbetrieb sowieso die Deppen sind? Muß man erklären, warum man mit 60 nach vierzig Jahren in der radikalen Linken einen Rentenanspruch unter Sozialhilfeniveau zu erwarten hat, im Gegensatz etwa zur Beamtenpension des Wiener Lateinlehrers Glatz, und diese Hungerperspektive durch eine Existenz als "(vogel-)freier Publizist" sich nicht ändern kann? Es hat etwas Erbärmliches, wenn allein schon die Tatsache, daß die Bücher eines wertkritischen Publizisten auch in gewöhnlichen Buchläden aufliegen, zum Anlaß für gehässige Tuschelei wird, daß da einer sich "auf Märkten gut verkaufe".<<


Daraus lese ich, dass er sich weitgehend über seine schriftstellerische Tätigkeit finanziert.

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