Montag, 7. Februar 2005
Stoiber und die NPD
"Das ökonomische Versagen der Regierung Schröder, dieses Ausmaß an Arbeitslosigkeit, bildet den Nährboden für Extremisten, die letztlich die Perspektivlosigkeit der Menschen ausnutzen und damit die Demokratie in unserem Land gefährden", sagte Stoiber der "Welt am Sonntag" - und beschwor Widerspruchsreaktionen aus der gesamten parlamentarischen Demokratie herauf, die bereits von sich bedeckt haltendem, murmelndem Ausbleiben von Zustimmung seitens der CDU über pfarrerndes Gefasel von "Schuld auf sich laden" bei der SPD (Müntefering) bis hin zur väterlichen Schelte "dumm und unanständig" von Seiten der Grünen (Beck) reichen. Und die bürgerlichen Medien stimmen ein und alle sind sich einig, dass Stoiber einen gravierenden Fehler begangen hat - allein die Begründungen will niemand so richtig liefern.

Die Zeit versucht es und scheitert katastrophal bereits auf der Ebene simpler sprachlicher Logik. Da wird ins Feld geführt, dass es die Neonazis schon vor Schröder gab - wie könnte das die Schrödersche "Unschuld" für die aktuelle Popularität der NPD implizieren? Dann heißt es, dass sich NPD und Reps am längsten in Baden-Württemberg im Landtag hielten, während dort die Arbeitslosigkeit besonders niedrig war - aber nähme man die Arbeitslosigkeit als Ursache an, hieße das denn, dass es nicht noch andere, in anderen Situationen ausschlaggebende Gründe für Nazis in Parlamenten geben könne? Und wenn der Zeit-Kommentator dann zu erklären versucht, dass ja Schröder in Wahrheit auch gar nicht schuld an der Arbeitslosigkeit sein könne, weil er ja schließlich im Gegensatz zu all den anderen mit Agenda 2010 und Hartz IV etwas dagegen getan habe, spätestens dann erübrigt sich eigentlich das Weiterlesen, denn für solche Weisheiten kann man auch gleich den Pressesprecher des Kanzleramts bemühen.

Den eigentlichen Grund, aus dem Stoibers Ausfall tatsächlich eine indiskutable Instrumentalisierung der Gefahren des Rechtsextremismus für parteitaktische Zwecke darstellt, benennt niemand - dass er damit nämlich ein geschichtsignorantes, gefährliches Spiel mit der Ambivalenz von Schuld und Ursache spielt, das selbst durchaus neonazikompatible Züge trägt, indem nahegelegt wird, dass eben nicht der Rechtsextremist und nur der Rechtsextremist selbst am Rechtsextremismus schuld sein müsse, sondern dass er als Opfer der Verhältnisse enstehen könne. Und impliziert, dass sechs Millionen Juden letztlich nicht Opfer der Nazis, sondern der Verhältnisse waren, die die Nazis haben erstarken lassen.

Es gibt keine Verhältnisse, die Rechtsextremismus rechtfertigen, und eines der großen Probleme der parlamentarischen Realität liegt darin, dass das Wissen darum allen Beteiligten irgendwie verloren gegangen zu sein scheint.

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Volle Zustimmung. Nur: warum schaffen es die Rechtsradikalen gerade in Gegenden, die besonders hart vom Raubzug des K. betroffen sind, in die Parlamente? Eigentlich müsste es doch gerade anders herum sein! Liegt es am Pseudoantikapitalismus der Rechten? Oder ist "der Deutsche" noch immer sehr anfällig für die Verführungungskünste der Populisten? Kann die Linke, wer oder was das auch in der politischen Realität noch sein mag, hier nichts entgegensetzen?

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Ich denke, es liegt sowohl am "Pseudo- Antikapitalismus" der Rechten, als auch an der Anfälligkeit für einfache Erklärungsansätze, die tradierte, manchmal nur subkutane, oft aber durchaus offene Ressentiments bedienen... Ich weiß nicht, was man dem entgegensetzen kann. Wenn, dann ohnehin nur für die Zukunft. Eine Institution, die ich dafür gerne in der Pflicht sähe, wäre die Schule, aber die kann es wohl nicht wirklich leisten, nicht in ihrer kapitalistisch- staatlichen Ausprägung, und vielfach will sie es auch gar nicht.

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Bei aller aufgesetzten Betroffenheit der Parlamentarier der diversen Fraktionen wird immer wieder gern übersehen, welch nützliche Funktion die Faschisten für das Kapital ausüben: Sie lenken wunderbar von den eigentlichen Ursachen und Urhebern ab und liefern einfache Feindbilder. Da ist nicht mehr der kapitalistische Rausschmeißer schuld, dass man keinen Job mehr hat, sondern der Nichtdeutsche, der "uns die Arbeitsplätze wegnimmt". So etwas kommt den H*ndts und R*g*wskis doch gerade recht. Man darf nie vergessen, dass die NSDAP zu großen Teilen von den obersten Spitzen aus Industrie und Wirtschaft finanziert wurde, und muss sehr aufpassen, dass die heutigen Oberkapitalzyniker sich nicht den nächsten Diktator heranziehen, wenn die noch regierenden "Demokraten" ihre "Reformvorschläge" nicht weiter im Wochentakt umsetzen.

Hinzu kommt noch etwas anderes: Wie können die "demokratischen" Parteien glaubhaft "gegen Rechts kämpfen", wenn ihre Politik immer mehr Züge angewandter Fremdenfeindlichkeit und nationalistischer Wirsindwiederwer-Verblendung trägt?!

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Ja. Man muss sich ja genaugenommen wundern, dass die "'demokratischen' Parteien" nicht längst mehr der Rechtsaußen-Wählerschaft vereinnahmt haben.

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schule
die schule in der pflicht? da wird schon ne ganze menge getan (auch gegen alle anderen 'probleme' bei der die 'gesellschaft' 'versagt'. warum sollen eigentlich die schulen immer 'besser' sein als die gesellschaft und die eltern? und wie sollen sie das leisten?

wie gesagt: was ich in letzer zeit an antigewalt-geschichten an schulen gesehen habe - und da spielt ausgrenzung von egal wem durchaus ne zentrale rolle - fand ich eher ziemlich beeindruckend. nur das macht dann die polizei (und zwar durchaus gut! grade in BW gibt es ein paar gute ansätze zur gewaltprävention) oder die evangelische kirche (bw: Schritte gegen Tritte nimmt z.B. explizit eine Asylantensituation als 'Programmstart') - und z.T. auch die Schulverwaltung, OK.

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Meine direkten Schulerfahrungen liegen ein paar Jahre zurück, sind aber (nicht nur) in dieser Hinsicht eher katastrophal. Nun ist "Schule" aber doch auch Teil der "Gesellschaft" - und Schule versagt ja nicht nur bei der Aufgabe, zu verhindern, dass sie erschreckende Potentiale an Neonaziwählern hervorbringt, sondern auch in anderen Bereichen. Daneben ist die Schule bis zum Abitur für den Schüler vor allem ein menschenunwürdiger Spießrutenlauf, in dem er antisoziales Konkurrenzverhalten antrainiert bekommt, bei dem ihm neben viel unnützem Wissen auch das eine oder andere Sinnvolle eingetrichtert wird, aber ohne je das Ganze zu sehen. Was dabei herauskommt, sieht man ja auch im internationalen Vergleich, und dass die dagegen beratschlagten Bemühungen der Kultusbehörden nichts bringen werden, ist bereits abzusehen.

Wenn ich aber sage "Schule sollte..." meine ich nicht zuvorderst die einzelnen Schulen und ihre Lehrer, obwohl sicherlich vielfach auch die mehr tun könnten, sondern das Schulsystem, die Vermittlungsansätze, das Gesamtkonzept, und insofern eigentlich die Gesellschaft, die ja darüber befindet, wie die Schulen auszusehen haben.

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