Dienstag, 24. Mai 2005
Wir mißachten die Möglichkeiten des Kindes, weil wir sie gar nicht erst erkennen, und wir mißachten ebenfalls seine wirklichen Grenzen. Sie hören damit auf zu existieren, und das Kind verliert den Bezug zu den sanften Reizen. Anstatt aus sich heraus Verhalten initiieren zu können, ordnet sich das Kind dem Willen der Autorität unter. Doch seine Unterordnung wird zugleich zu einer Quelle unerkannter und deshalb unbeherrschbarer und unlenkbarer Aggression. Denn jede Lenkung von außen bewirkt eine Unterdrückung der eigenen inneren Möglichkeiten, die Umwelt zu bewegen. Dadurch wird Hilflosigkeit zu einem unerträglichen Zustand, der dann allein durch Verdrängung vom Bewußtsein ferngehalten werden kann. Zusammen mit der Hilflosigkeit entsteht Aggression, die, da man sich ihres Ursprungs nicht mehr bewußt ist, für gewöhnlich nach außen verlagert wird. So werden Kinder aus Selbstschutz heraus gefühllos oder gewalttätig oder auch beides.
Arno Gruen, Der Verlust des Mitgefühls, 1999, S. 92

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