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Freitag, 19. August 2005
Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman.
wednesday, 18:36h
Eine halbe Minute später war ich in meinem Zimmer und sah, daß der Mann mit Bart und Aktentasche auf mich wartete. Er war genauso bleich und wächsern wie vorige Woche. Augenblicksweise ging mir auf, warum mir die Nachkriegszeit damals gefiel: Die Gesichter der Menschen waren voller eingestandenem Entsetzen. Es gab weit und breit niemanden, der von ihnen verlangte, daß sie frohlich, erfolgreich, lustig, optimistisch oder sonstwie sein sollten. Aus seiner linken Anzugtasche schaute ein Löffel heraus. Vermutlich ernährte sich der Mann in öffentlichen Armenküchen, wollte aber auf seinen eigenen Löffel nicht verzichten. Er beklagte sich, das seine Eingabe noch nicht erschienen war. Weil ich keine bessere Idee hatte, redete ich von unvorhersehbaren Verhinderungen, woraufhin der Mann in gute Laune verfiel.
W. Genazino, Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman. dtv. S. 88 ... comment
wednesday,
Freitag, 19. August 2005, 18:37
Zweitens.
Es ist nicht die Aufgabe einer Zeitung, sagte Herrdegen, die Wahrheit mitzuteilen. Was wahr ist, muß jeder einzelne Mensch für sich persönlich herausfinden. Die Zeitung stellt für diese Suche nur das Material bereit, mehr nicht. Im übrigen, sagte Herrdegen, begeistert sich das Publikum für eine Lüge genauso wie für deren Aufdeckung. Die Zeitung ist ein Schaufenster, kein Gericht, das müssen Sie akzeptieren. Ich fand Herrdegens Meinung sowohl klug als auch fürchterlich. Mir fiel sogar ein Argument gegen ihn ein. Ich wollte sagen, daß die einzelnen Menschen überfordert sind, für sich allein eine Wahrheit zu finden, und daß ihnen die Zeitung dabei helfen könne. Aber ich war viel zu aufgeregt darüber, daß ich mit Herrdegen nicht einer Meinung war, und konnte mein Argument nicht in zwei gutgebaute Sätze verwandeln. Stumm ging ich in mein Zimmer zurück und fing noch einmal an, zwanzig Zeilen über ein Massengrab von Gefühlen zu schreiben. Es war mir nicht erlaubt beziehungsweise es war nicht meine Aufgabe beziehungsweise es war unmöglich, über die wirkliche und wahre und von mir persönlich beobachtete Enttäuschung des Herrn Rauchfuß einen authentischen, weil zutreffenden Bericht zu schreiben. Offenbar mußte ich hinnehmen, daß alle, die hier arbeiteten, mal mehr, mal weniger an eingestandener Infamie litten und daß Herrdegen ein Argument gefunden hatte, das ihm ein Wohlbehagen inmitten dieser Infamie erlaubte.
W. Genazino, Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman. dtv. S. 109 ... link ... comment |
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