Montag, 29. August 2005
Fay
In Darcys Utopia glauben die Menschen in dem Sinne an den Teufel, daß sie für die Mächte sensibel sind, die selbst an der bestgeplanten ihrer gesellschaftlichen Strukturen nagen und auf ihre Zerstörung aus sind. Mit den gesellschaftlichen Strukturen verhält es sich wie mit den Menschen - mit Strukturen meine ich Regierung, Kirche, öffentliche Verwaltung, Erziehungs-, Ausbildungs- und soziale Organisationen, Interessengruppen, Gesellschaften für dies und das, private Einrichtungen, die von der Regierung finanziert werden, und so weiter und so fort. Wo immer sich nämlich Menschen im Interesse besserer und menschlicherer Organisation der Gesellschaft zusammentun, lauert der Teufel. Je größer das Streben nach dem Guten, je näher man ihm kommt, desto härter und tiefer ist leider der Fall. In Darcys Utopia verstehen alle, je maßloser und präsenter das Gute scheinbar ist, desto drückender wird die Gefahr, daß es bald zerstört wird. Oh ja, in Darcys Utopia sind wir auf der Hut. Wir werden aufpassen und darüber hinaus begreifen, worauf wir aufpassen müssen. Wir werden uns nicht hinter abstrakten Begriffen wie »Freiheit«, »Selbstbestimmung«, »Gerechtigkeit«, »Würde« verstecken. Wir benutzen bescheidenere Worte, die dafür aber noch einen Sinn haben.

Fay Weldon. Darycs Utopia, S. 20. Antje Kunstmann, 1992

... comment

 
Weldon
Die erste Erziehungsregel in Darcys Utopia besagt, daß in jeder Schule die Zahl der Lehrer die der Schüler übertrifft und keiner zur Schule gehen muß, der nicht will. Vermutlich kreuzen weiterhin angehende Essayisten und Techniker auf, weil sie eine anständige Ausbildung haben wollen; die anderen, die den Unterricht demütigend finden, weil man sie tagtäglich als Dummköpfe definiert und bloßstellt, kommen nicht. Das Individuum gewinnt viel, und die Gesellschaft verliert wenig. Lehrer, die nur Lernwillige unterrichten, gewinnen ihre Selbstachtung wieder und die Achtung ihrer Schüler. Sie werden von morgens bis abends ausgeglichener Stimmung sein. In Darcys Utopia werden Sie kein Kind sehen, das schon mit abgestumpftem Blick und Falten auf der Stirn in die Pubertät kommt.

Fay Weldon. Darycs Utopia, S. 57. Antje Kunstmann, 1992

... link  

 
(...)
Die Presse - die inländische verhalten und peinlich berührt, die internationale ganz hysterisch vor Schadenfreude - berichtete später, daß die Öffentlichkeit zuerst nervös und argwöhnisch war: sie blieb auf Distanz: die Polizei vermutete eine Dysfunktion und kam rasch, um diesen rätselhaften Geldfluß vor Plünderern zu schützen. Und wie es der Zufall wollte, war es ein nasser, windiger Tag: der Wind, der so oft die Hauptstraßen hinunterbläst, pfiff in vielen Landesteilen zu einem guten Zweck und fegte nasse Banknoten über Läden und in Gassen und Gärten und den Betrunkenen, den Elenden und Obdachlosen unter die Nase, die sie im großen und ganzen nicht beachteten, weil sie nur zu gut verstanden, daß Geld nicht die Lösung ihrer Probleme war; was sie brauchten, war, nicht zu stinken und jemanden zu finden, der sie nett fand und bereit war, sie mit nach Hause zu nehmen. Von hoch oben kam ein Machtwort, und die Polizei zog sich zurück: und diejenigen, die die Scheine brauchten, um Strom- und Gasrechnungen zu bezahlen und die Hypotheken, fingen hektisch an, sie aufzusammeln und mit nach Hause zu nehmen, damit die Kinder sie zählen konnten, und so wurden sie ihrer Sorgen ledig, und beim Essen lächelten sie und vergaßen, dem Vorwürfe zu machen, dem sie normalerweise Vorwürfe machten, und sie schliefen mit ihren Frauen oder Männern, so gut Neigung und Kraft es gestatteten, und sie sagten zu ihren Kindern, gut, wenn ihr nicht zur Schule gehen wollt, laßt es, und zu sich selbst, der Job, den ich mache, ist sinnlos, nutzlos, darüberhinaus hasse ich ihn; und sie blieben im Bett, und nur die gingen, die dachten, der Job, den ich mache, ist nützlich, andere brauchen mich, sind von mir abhängig, ich mache ihn gern; und der Verkehr floß freier, weil das Verkehrsaufkommen nur halb so groß war wie sonst, und die Männer auf den Öltankern fingen wieder an zu arbeiten, weil ihr Führer am Montagmorgen sagte: »Alles steht kopf; die Regierung ist verrückt geworden, das wollen wir lieber nicht noch schlimmer machen.«

Fay Weldon. Darycs Utopia, S. 271. Antje Kunstmann, 1992

... link  


... comment


To prevent spam abuse referrers and backlinks are displayed using client-side JavaScript code. Thus, you should enable the option to execute JavaScript code in your browser. Otherwise you will only see this information.

Online for 7954 days
Last update: 30. Aug, 18:49
status
You're not logged in ... login
menu
links
search
 
calendar
August 2005
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 1 
 2 
 4 
 5 
 6 
 7 
 8 
 9 
10
15
17
27
28
30
31
 
 
 
 
 
recent updates
Das mit der "Natur des...
demon driver, 30. Aug, 18:49
Wasteland
wednesday, 30. Aug, 15:32
Worte aus der Vergangenheit
wednesday, 30. Aug, 15:30
Nullwachstum
wednesday, 12. Nov, 19:23
Außerdem ist so...
wednesday, 8. Nov, 10:41

xml version of this page

made with antville