Mittwoch, 3. August 2005
"Lesen verboten"
Eine Essay-Sammlung von Dubravka Ugresic. Als Mängelexemplar für 10 Euro zu finden.

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Kostprobe:
Es lebe der Sozrealismus!

Ich weiß nicht warum, aber die Regeln der marktorientierten literarischen Kultur erinnern mich an den guten alten sozialistischen Realismus. Ich räume freilich ein, daß es mir von dem Trauma Osteuropa im Kopf rappelt. Ich räume auch ein, daß ich zuviel umherreise und alles durch eine trübe Brille sehe. Ich räume ebenfalls ein, daß es um Nostalgie geht. Aber nachdem Mörder und Kriminelle mein Land vernichtet, primitive Geister meine Bibliotheken verbrannt haben, beanspruche ich das Recht auf Nostalgie.

Heute weiß kaum jemand, was sozialistischer Realismus ist. Die osteuropäischen Künstler reagierten schon auf das Wort allergisch. Im Verlauf von mehr als fünfzig Jahren entwickelten sie reichlich Strategien der Subversion, schlugen mit aller Kraft auf den sozialistischen Realismus ein, bis sie all seine Spuren getilgt hatten. Niemand kann mehr erklären, was das Böse daran war. Für die Westler und seltsamerweise auch für die versierten Ostler bleibt die Idee des Sozrealismus besiegelt in einer monumentalen Ikone, dem Denkmal Arbeiter und Kolchosbäuerin der sowjetischen Bildhauerin Wera Muchina. Und natürlich in der Person von Jossif Wissarionowitsch Stalin, dem hypothetischen Schöpfer des Terminus.

Rekapitulieren wir kurz. Die Grundforderung an die Literatur des Sozrealismus war die »wahrheitsgetreue, historisch-konkrete künstlerische Darstellung, verbunden mit der ideologischen Erziehung der Werktätigen im Geiste des Sozialismus«. Die Literatur mußte breiten Leserschichten zugänglich und realistisch im Sinne von Lew Tolstoi sein. Diese sozialdidaktische Forderung gebar eine auf dem Kampf zwischen positiven und negativen Helden beruhende Romanstruktur (Superman und Lex Luthor) und verschiedene Genres: Produktionsroman, pädagogischer Roman usw. (...)

Der Sozrealismus war nicht nur fröhlich, sondern auch sexy. Nirgends so viele muskulöse, starke und gesunde Körper, nirgends so viele umarmte Schnitter und Arbeiter, Traktoristen und Bauern, nirgends so viele "Pyramiden der Freundschaft" wie im Sozrealismus. Nirgends, um heutige Beispiele anzuführen, so viele Arnold Schwarzeneggers und Sylvester Stallones zu einem mächtigen Körper verschmolzen. Der Sozrealismus war eine optimistische Kunst. Nirgends so viel Glaube an eine lichte Zukunft und den Sieg des Guten über das Böse.

Nirgends, außer in der marktorientierten Kultur. In Literatur, Film, Fernsehen. Ich bin sicher, daß ein Großteil der heutigen marktwirtschaftlich erfolgreichen Literatur-(Film- Fernseh-) Produktion auf der einfachen sozrealistischen Fortschrittsidee gründet. Die Buchhandlungen sind voller Titel zum Thema: wie bewältige ich meine Invalidität, wie verbessere ich meine Situation. Die Bücher darüber, wie Blinde sehend, wie Dicke schlank, wie Kranke gesund, wie Arme reich wurden, wie Stumme sprechen lernten, Säufer trocken, Atheisten gläubig, Unglückliche glücklich wurden, all diese Bücher infizieren die Lesermassen mit dem Virus des Glaubens an die eigene lichte Zukunft. Und die persönliche lichte Zukunft ist auch die kollektive lichte Zukunft, wie die Sozrealistin Oprah Winfrey Millionen Amerikanern verkündet in ihrer Talkshow.

Um Erfolg zu haben, muß die Marktliteratur didaktisch sein.
Daher so oft das Wort wie in den Titeln. Wie der Stahl gehärtet
wurde. Der derzeitige Bestseller How Stella Got Her Groove
Back wirkt etwa so wohltuend auf das schwarze, unterdrückte
weibliche amerikanische Proletariat wie seinerzeit Maxim Gor-
kis Mutter auf das sowjetische. Die heutige Marktliteratur ist realistisch, optimistisch, fröhlich, sexy, explizit oder implizit didaktisch und für breite Leserschichten gedacht. Als solche erzieht sie die Werktätigen im Geiste des individuellen Siegs von etwas Gutem über etwas Böses. Als solche ist sie sozrealistisch.

Seit der Geburt des Sozrealismus sind etwa siebzig Jahre vergangen. Mir tun die osteuropäischen Schriftsteller leid. Sie sind bei der ganzen Geschichte die Verlierer. Sie haben ihr eigenes Kind totgeschlagen, die alten sozrealistischen Autoren auf den Müll geworfen und das Handwerk des Marktes nicht gelernt. Sie hatten weder Selbstbewußtsein noch Weitsichtigkeit.
Der Sozrealismus ist tot. Es lebe der Sozrealismus!

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