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Mittwoch, 9. November 2005
U
wednesday, 17:30h
Der Angeklagte saß neben seinem Verteidiger. Er war ein grau gekleideter Mann mittleren Alters mit einem kartoffelfarbenen Gesicht und stumpfen Blick. Er saß auch irgendwie tumb da wie ein Kartoffelsack. Ich war enttäuscht, Igor wahrscheinlich auch. Wir erwarteten einen Verbrecher, und vor uns saß ein Mann, dessen Gesicht man schon in der nächsten Sekunde vergaß. Bis auf ein Detail. Seine Kiefer waren fest aufeinandergepresst, und die Mundwinkel zeigten nach unten. Es war eine Kopie des Gesichts von Milosevic, aber auch von Tudjman. Die gleichen aufeinander gepressten Kiefer, der gleiche bogenförmige Schnitt anstelle der Lippen. Diese Volksführer hatten anstelle von Lippen ein umgekehrtes U. Ihre Gesichter waren flach wie Kinderzeichnungen. Der Mund ein umgekehrtes U: ein böser Mensch.
Dubravka Ugresic: Das Ministerium der Schmerzen. S. 153 ... comment
wednesday,
Mittwoch, 9. November 2005, 17:31
Roboter
Alle in dieser Vorstellung Beteiligten redeten wie Laienschauspieler. Die Pausen waren länger als die Antworten. In einer Robotersprache schilderten die Akteure dieser Gerichtsperformance das Böse als eine mechanische Handlung, so mechanisch wie jede andere. Keiner der Angeklagten fühlte sich schuldig. Unter all diesen Leuten, die ein ganzes Land zerstört hatten, unter all den Volksführern, Politikern, Generälen, Soldaten, Kriminellen, Mördern, Lügnern, Dieben, Nullen und Freiwilligen gab es nicht einen, der einfach sagte: "Ich bin schuldig." Diesen Satz hatte ich bislang nicht gehört, ich hörte ihn jetzt im Gerichtssaal nicht, und ich werde ihn auch später nie hören. Alle wollen nur ihre Arbeit getan haben. Fühlen Sie sich schuldig, wenn Sie den Nagel in die Wand geschlagen haben? Nein. Fühlen Sie sich schuldig, wenn Sie an diesen Nagel ein Bild gehängt haben? Nein. Fühlen Sie sich schuldig, weil Sie hundert Menschen umgebracht haben? Nein. Natürlich nicht.
Dubravka Ugresic: Das Ministerium der Schmerzen. S. 155 ... link ... comment
wednesday,
Mittwoch, 9. November 2005, 18:40
69
Sie definiert Verwahrlosung als „Zusammenbruch, als Aufgabe von Versorgung und Fürsorglichkeit. Und die stelle sich zunehmend ein, wenn Familien verarmen und sich aufgeben.“ Die Berliner Kinderärztin Elke Jäger-Roman, die auch im Vorstand des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte sitzt, hat die Erfahrung gemacht, dass Verwahrlosung und Vernachlässigung schleichend zunehmen: „Bei etwa 20 Prozent der Bevölkerung stellen wir fest, dass das Verständnis der Eltern für das, was ihre Kinder brauchen, nicht mehr da ist.“
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