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Mittwoch, 23. November 2005
So was sind dann "Neuigkeiten"
wednesday, 06:47h
"Geringverdiener sind häufiger krank, sterben früher und profitieren deshalb weniger vom Rentensystem als Besserverdiener."
Es gibt keine soziale Ungerechtigkeit, sondern nur schlechtes Karma, hör ich gelegentlich aus dem Munde von Besserverdienenden. Sie sagen es etwas anders, aber meinen es genau so, wenn sie ihrem kaltschnäuzigen Gelaber hinzufügen: "Wer nur will, der kann. Wer wirklich arbeiten will, der findet auch Arbeit rhabarber-rhabarber..." Manche schauen einen dabei mit weit aufgerissenen Augen an, als würden sie kein Wässerchen trüben können, sie sind ja so aufrichtig, sie "meinen" ja nur. Es ist zum Schreien. ... comment
demon driver,
Mittwoch, 23. November 2005, 07:49
Der Calvinismus, die Religion der Besserverdienenden.
... link
palatine,
Mittwoch, 23. November 2005, 09:16
Was eine interessante Verschiebung ist, war er doch die Religion der Unterschicht und des Kleinbürgertums.
Da ich zum zweiten Mal in einem Land wohne, das stark vom Calvinismus geprägt ist, habe ich mich eine Zeitlang intensiver damit beschäftigt und staune ob der Begriffsvielfalt, die sich hinter diesem Label verbirgt. ... link
demon driver,
Mittwoch, 23. November 2005, 13:24
Ich hatte ja eigentlich noch was hinzufügen wollen im Sinne von: »wobei die erstaunliche Wirkmächtigkeit solcher Religion sich wohl auch darin ausdrückt, dass ausgerechnet so viele seiner Opfer ihm anhängen« bzw. -hingen.
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palatine,
Mittwoch, 23. November 2005, 13:55
Das gilt wohl für viele Religionen.
Auch wenn es nicht zum Thema dieses Thread paßt, möchte ich nur darauf hinweisen, daß der Calvinismus in seiner Frühzeit beträchtliches emanzipatives Potential hatte. Daß am Wohlstand die Prädestination zu erkennen sei, ist in der Zeit nicht zu finden und bei orthoxen Calvinisten auch heute nicht. Ist nur die Geschichte meiner eigenen Begriffsverwirrung auf der Suche nach historischem Verstehen ... ... link
wednesday,
Mittwoch, 23. November 2005, 18:35
Am Rande. Im Dunkeln. Etwas außer Atem.
Ich stelle mir vor, daß religiöse Neuerungen der Mentalität des Gläubigen angepasst werden, somit dem sich allmählich weiter entwickelnden Weltbild, und weiterhin dem sich dabei - bedingt durch die immer vielschichtigeren Neuerungen - verändernden Gottesbild = Menschenbild (vielleicht vor allem in den völlig vergeistigten, wie unmenschlich wirkenden Religionen, was zB ihre Forderungen an den "einfachen" Menschen betrifft), bzw. ein ungemein wirkungsvolles Wechselspiel stattfindet, welches uns deshalb, weil es als nicht mehr spürbare Veränderung stattfindet, uns als "normale Entwicklung", als "natürlich" vorkommt, weshalb wir den Sprung von der "menschlichen" Religion - zu der ich den Animismus zählen mag, von dem Reste im Katholizismus zu finden sind - zur "unmenschlichen" weil völlig abstrakten (im Sinne von bild- oder besser: körperlosen*) Religion, die den Menschen, einzeln und in der Vielzahl, ohne Rücksicht auf seine Beschaffenheit, seine Verfassung im Großen und Ganzen wie im Kleinen wie im Zusammenspiel oder Abgrenzung zum Anderen, auf sich selbst zurückwirft, in eine Einsamkeit, in welcher er auch seinen Mitmenschen, an den er einst geglaubt hatte, nicht mehr sehen und greifen und begreifen vermag.
Gott wird also meinen Bedürfnissen angepasst, die ich in mir spüre, Bedürfnisse, die aus der Arbeitsteilung, der Spezialisierung, dem Geschlechterverhältnis, den sich daraus entwicklenden Veränderungen im Verhältnis zu Nachkommen und zwischenmenschlichen Beziehungen (Monade -> Autismus), zu Natur, zu Hunger und Satt-Sein, etc.; Bedürfnisse, die sich unter vielfältigen und zum großen Teil "unsichtbaren" Einflüssen entwickelt haben oder besser: entwickelt wurden, und irgendwann ihre an sich komischen, aber eben doch vor allem haarsträubenden Rechte fordern. Wie zB die Unfähigkeit zum Mitgefühl, die Selbstbezogenheit (als alleinige Spiegelung in Gott?), und den Arbeitswahn. Calvin: "Unter Vorsehung verstehen wir Gottes ewige Anordnung, vermöge deren er bei sich beschloss, was nach seinem Willen aus jedem einzelnen Menschen werden sollte! Denn die Menschen werden nicht alle mit der gleichen Bestimmung erschaffen, sondern den einen wird das ewige Leben, den anderen die ewige Verdammnis vorher zugeordnet." Und noch ein Text zu Calvin und 'Calvinismus'. __________ * Die "Körperlosigkeit" Gottes ist vielleicht ein Grund dafür, daß das Morden dem modernen Menschen gerade im Namen ihres Gottes relativ leicht fällt, und, in diesem und sehr engen Zusammenhang, auch dafür, daß er zunehmend sein eigenes Körpergefühl (und somit Mitgefühl) verliert. ... link
palatine,
Mittwoch, 23. November 2005, 19:32
Mir bereitet es oft Schwierigkeiten, von philosophischen oder theologischen Ideen und Systemen außerhalb ihres zeitlichen und gesellschaftlichen Kontextes zu sprechen. Ich zweifle auch, ob es "den" Katholizismus gibt, denn schließlich variiert auch er zwischen Zeiten, Ländern, Gruppen und Individuen.
Außerdem zeichnest Du ein leicht romantisierendes Bild ;-) Daß Calvins nicht sonderlich sympathisch wirkt, ist klar. Er war Humanist und Jurist und entsprechend gestaltete er sein System. Jedoch hatte seine Lehre langfristige und vielgestaltige Auswirkungen, die mit den von Dir genannten Kritikpunkten nur stark verkürzt wiedergegeben wären. Es waren schließlich komplexe sozioökonomische und ideengeschichtliche Entwicklungen, die nicht so einfach unter einen Nenner zu bringen sind. Max Weber schildert ja die Kongruenz des Protestantismus mit der modernen Arbeitshaltung. Aber die Kongruenz, nicht die Kausalität. Das zeigt imo, daß konfessionelle Label nicht ausreichen. Wäre auch langweilig ;-) Aber das war wahrscheinlich allgemein bekannt. ... link
palatine,
Mittwoch, 23. November 2005, 19:39
Nachsatz
Recht interessant (Dein Link verweist ja darauf) auch im aktuellen Kontext ist die Rezeptionsgeschichte des Calvinismus in Deutschland, der dort nur in einigen Gebieten Fuß gefaßt hatte. Die Lutheraner haben sich sehr rasch von ihm distanziert, und zwar nicht wegen theologischer, sondern politischer Differenzen wegen: er war den Propagandisten des Gottesgnadentums und der katastrophalen Einheit von Thron und Altar nicht geheuer. Ganz deutlich wurde das im englischen Bürgerkrieg: Horror angesichts der Beseitigung der Monarchie. Und es gab in den letzten Jahren mehrere mentalitätsgeschichtliche Beiträge zu den Ursprüngen des deutschen Antiamerikanismus, die daran anschlossen.
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