Freitag, 6. Januar 2006
Privatisierung
Das Leben des modernen Menschen zerfällt in ein Berufs- und ein Familienleben, die sich häufig den Rang streitig machen, während alles übrige - religiöse und kulturelle Betätigungen und schon ganz und gar Vergnügungen und Zerstreuung - bloßes Beiwerk ist. Die Zusammenkünfte von Freunden, die gemeinsamen Essen und der freundschaftliche Umtrunk sind zu einer schlichten Entspannung geworden, die der Organismus braucht wie eine rasch heruntergeschlungene Mahlzeit, doch ist das für die achtbare Organisation des Lebens ohne Belang: es ist eine überflüssige Dreingabe, ein Luxus, den man gewiß nicht missen möchte, dem man jedoch keine Bedeutung zugestehen will oder dessen man sich womöglich sogar schämt. Im Mittelalter nahm dieser ganze Bereich der gemeinschaftlichen Muße, der heute individualisiert und beschnitten ist, einen wesentlichen Platz innerhalb des Gemeinschaftslebens ein. Es braucht uns hier nicht weiter zu interessieren, daß sein religiöser Ursprung in den mediterranen oder germanischen orgiastischen Kulturen zu suchen ist. Worauf es uns hier vor allem ankommt, ist, daß man sich damals noch keine Vereinigungen vorstellen konnte, die ohne das öffentlich anerkannte verbindende Element der Freundschaft auskommen konnten, ohne die gemeinschaftliche Mahlzeit und die potacio, die gelegentlich zwar durch den Rausch besiegelt wurde, jedoch nicht ausschließlich um des sinnlichen Vergnügens willen - auch heute wissen die Menschen einen anständigen Schluck unter Freunden zu schätzen! -, sondern auch deshalb, weil dieses Vergnügen transzendiert wurde und die sinnliche, physische Gestalt einer religiösen oder rechtlichen Verbundenheit annahm, eines durch den Eidschwur bekräftigten Vertrages, auf dem das gesamte Gemeinschaftsleben beruhte, wie es heute auf unseren Institutionen des privaten und des öffentlichen Rechts beruht. Die moderne Lebensweise wird dann das Resultat zugleich der Trennung von Elementen sein, die einst eng miteinander verbunden waren, der Trennung von Freundschaft, Religion, Beruf, wie der Einschränkung einzelner dieser Elemente, etwa der Freundschaft und der Religion, und schließlich auch der Entwicklung eines anderen Elements, dem das Mittelalter nur sekundäre Bedeutung beimaß: der Familie. Wir werden noch sehen, inwiefern sich diese Entwicklung an der Geschichte der Einstellung zur Kindheit und zur Familie besonders gut verfolgen läßt.

Philippe Ariès: Geschichte der Kindheit. Carl Hanser Verlag 1975. S. 355 f.

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»Für die achtbare Organisation des Lebens ohne Belang« – ja, die Verkehrung des Werts. Mich wundert eigentlich nur, dass es immer wieder möglich scheint, als z. B. Philosoph sich mit dem Begriff des Werts (des Individuums) auseinanderzusetzen, ohne dabei zu der Erkenntnis zu kommen, dass ein – stetig und oberflächlich, ohne das Wesentliche zu erkennen, immer auch von den Massen beklagtes – »Fehlen von Werten« direkte und zwangsläufige Folge der, über die ökonomische, gesellschaftlich gewordene Ver-Wertung innerhalb der Mechanismen und Zwänge des Systems und somit unausweichlich ist.

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