Samstag, 12. März 2005
Die Herzen der Männer
Ein ökonomisches System wie unseres funktioniert nur, wenn man die Menschen unter Kontrolle hat und sie Arbeiten verrichten läßt, die sie hassen. Um das zu erreichen, muß man ihre Köpfe mit biblischem Unsinn über Unzucht jeder Art vollstopfen. Man muß dafur sorgen, daß sie jung heiraten, also sehr früh Frau und Kinder haben. Sobald ein Mann eine Frau und zwei kleine Kinder hat, wird er das tun, was man ihm sagt. Er wird gehorchen. Und darauf zielt die gesamte Männerrolle ab. (Gore Vidal, 1980)

B. Ehrenreich, Die Herzen der Männer

Anmerkung: In dem Buch geht es um die Rolle des Mannes im US-amerikanischen Alltag und Kapitalismus aus feministischer und marxistischer Sicht.

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Ich frage mich, ob das auf die Männer beschränkt ist. Mein Eindruck aus Alltagsbeobachtungen: sobald ein Kind da ist, werden von den Eltern bestimmte Verhaltensweisen erwartet und die Kinder dabei als Druckmittel eingesetzt.
Das Pendant sind dann die Eltern, die *alles* mit den Sprüchen "Mit Kindern muß man das so machen ", "Mit Kindern kann man das nicht mehr machen" und "Du weißt das ja nicht , du hast ja keine ..." legitimieren.
Wobei es wohl selbstverständlich ist, daß Kinder einiges im Leben verändern - nur die Zwanghaftigkeit dieses Verhaltens irritiert mich.

Bin ich der einzige?

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Du bist sicher nicht der einzige ;-)

Ich hätte zu dem Text hinzufügen müssen, daß in dem Buch auf die Infrage zu stellende "traditionelle" Ernährerrolle der Männer/Väter angespielt wird; daß Frauen ähnlichem Druck ausgesetzt werden, nämlich nicht unbedingt nur Kinder zur Welt zu bringen, sondern auch arbeiten zu gehen und dabei weniger als der Mann zu verdienen, wird in dem Buch ebenfalls erwähnt, im Großen und Ganzen geht es um die Kritik an den auferzwungenen Rollen, und daß diese Rollen die Gesellschaft, so schlecht sie für die Entwicklung des autonomen Individuums ist, das kapitalistische Wirtschaftssystem erhält.

Ach ja: "Image von Kinderlosen ist schlecht / Hamburg - Kinderlose Männer und Frauen haben bei der Mehrheit der Deutschen ein schlechtes Image. Nach einer Emnid-Umfrage schätzen es 58 Prozent der Befragten als egoistisch ein, wenn Frauen bewusst auf Kinder verzichten. Bewusst kinderlose Männer gelten für 56 Prozent als egoistisch. 61 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass Eltern die glücklicheren Menschen sind. Fast zwei Drittel finden, dass sich die meisten Frauen zu viele Gedanken über den richtigen Zeitpunkt für ein Kind machen."
lt. http://rhein-zeitung.de/tick/?km,2ndPass

*zähneknirsch*

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In dem Kontext liest es sich dann schon anders, zuvor mutete es an wie ein Zitat auf den 1950ern - was es bei Vidal ja auch sein könnte.

Was mir weiterhin undeutlich ist: welcher Druck auf Frauen ist größer? Der Karriere"zwang" oder der Kinderkriegen"zwang"? Die Erfahrungen, die ich bisher in Beziehungen und bei Freunden sammelte, waren allesamt eher verwirrend.

Das Gefühl der "einizige" zu sein, hat sich in den letzten Jahren altersbeding eingestellt - zahlreiche Paare, die auf einmal "kippten". ;-) Nicht alle jedoch *aufatem*

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@wednesday: Mit anderen Worten also sowas wie die Scholzsche "Abspaltungstheorie"...?

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Bei einigen Freundinnen war der Zwang, ein Kind zu bekommen, immer von ihnen selbst ausgegangen - die Rechtfertigungen hörten sich in meinen Ohren immer an, als sei ein Kind zu haben eine Art Wunder und märchenhafte Bestätigung des Frauseins (die Partner äusserten sich nicht, bzw. wurden nicht gefragt, oder die Frauen taten so, als hätten sie allein für/gegen ein Kind entschieden). Zwei Freundinnen freuten sich auf "etwas, was nur ihnen gehören wird. Endlich was Eigenes". Ziemlich gestört, will ich behaupten, genau das, was man als Elternteil nicht erwarten darf: daß das Kind einem "gehöre"...

Der Druck, neben Mutter zu sein auch zu arbeiten, erzwang neben der wirtschaftlichen Lage die Angst vor einem auf den Haushalt beschränkten und deshalb langweiligen Leben. Die Freundinnen bestärkten sich in dieser Angst auch gegenseitig. Dazu die Furcht, finanziell völlig vom Partner abhängig zu sein.

Hormone, Chemie. Furchtbar. Ich will jedenfalls keine. Egal was der Mob dazu sagt ;-)

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@demon driver
Die Scholzsche Abspaltungstheorie *seufz*(weil schwer zu lesen ;-) Roswitha hat das Problem aus feministischer Sicht mit Blick auf die Rolle der Frau im Patriarchat wissenschaftlich erörtert, Barbara hingegen erörtert, ebenfalls aus feministischer Sicht, die Lage der Männer essayistisch. Passt aber zusammen, finde ich. Allerdings ist "Die Herzen der Männer" von 1983, und ich habe es noch nicht fertiggelesen!

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In der Tat ...
... ein kurzer Überblick über die (ähem - wirklich nicht einfache) Abspaltungstheorie (dank Google) verdeutlicht den Diskurs, auf den sich das Zitat bezog.
Interessant für mich auch, weil ich seit den 90ern nur den dort kritisierten postmodernen Ansatz mitbekommen habe - und mit dem recht wenig anfangen konnte.

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Wert-Abspaltung und die Postmoderne

Die Bedeutung des postmodernen Ansatzes würde ich ohnehin eher im Kulturellen, Ästhetischen sehen, denn im Sozialen, im Gesellschaftlichen. Was der Punk für die Kultur und die Kunst war, war der Dekonstruktivismus in der Philosophie...

Krisis und Exit (wo die Scholz aktiv war bzw. ist) haben traditionell immer großen Wert auf Abgrenzung zu und Distanzierung von bestimmten Strömungen gelegt, selbst wenn sowieso niemand auf die Idee gekommen wäre, da irgendwelche Anknüpfungpunkte zu vermuten. Kurzens Distanzierungskampagne gegenüber "den Antideutschen" ist in dem Zusammenhang aber wohl ein anderer Fall.

Soweit ich die Wert-Abspaltungstheorie begriffen habe, versucht sie das Prinzip der Abspaltung als primär einem zwischen den Geschlechtern und ihrer Verteilung von Aufgabenerledigung - und deren ökonomischer Verwertbarkeit in der kapitalistischen Gesellschaft - als einen zentralen Mechanismus sämtlicher Fehler dieser Gesellschaftsordnung zu konstruieren, und will darüber, nicht beispielsweise umgekehrt, auch die Entfremdung des Arbeiters von der Arbeit ableiten. Und man wirft man ihr dort, wo man sich auf eine Theoriediskussion denn überhaupt mal einlässt, dann auch schon mal vor, dass sie dabei letztlich dennoch nichts anderes sagt, als eben Marx schon gesagt hat.

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Als eingefleischtem und wahrscheinlich zunehmend altersstarrsinnigem Hermeneutiker, ist mir vor allem die Beliebigkeit der Postmoderne suspekt - wenn sie eben nicht als Methode in Philosophie und Ästhetik, sondern als umfassendes Erklärungsmodell vor allem gesellschaftlicher Entwicklungen angewandt wird, und dabei häufig faktisch bestehende Verhältnisse ignoriert.
Extreme Fälle, gewiß, aber auf TP zu beobachten.

Danke für den Hinweis auf die Wertabspaltungstheorie. Ein wirklich zur weiteren Diskussion lockender Ansatz.

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Das wirft man ihr zu Unrecht vor, Marx war von der Frauenfrage relativ unberührt bzw. betrachtete sie als "Nebenwiderspruch"; die Abspaltungstheorie kann man als Ergänzung zu Marx betrachten.

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